venedig

erster Besuch in Venedig mit 15 Jahren. Konnte es kaum erwarten, vorher machten wir immer bei meinen Großeltern in Franken Urlaub. Venedig: atemberaubend, faszinierend. Meine Eltern ließen mich alleine gehen.
Habe damals Notizen gemacht, die ich heute noch habe:
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4. August 1978 Freitag 13:17 Uhr
Ich sitzte an der Accademica in Venedig an der Treppe zum deutschen Konsulat. Hier ist ein Katzentreffpunkt. Ich zähle 8 große und 3 kleine Katzen. Fast jeder, der vorbei geht, fasst sie an und streichelt sie. Ich natürlich auch. Es gibt allerdings auch einige blöde Leute, die ihren Kindern schreien, "nicht anfassen" und ganz hektisch weiterlaufen. Gerade machen zwei Freaks Fotos von den Katzen. Auf dem Weg von Markusplatz zur Accademica bin ich auf das Hotel Bauer Grünwald gestoßen (siehe Patricia Highsmith "Venedig kann sehr kalt sein"). Die Katzen leben hier unter einer Holzbrücke, die zum Canale Grande führt. An den Seiten der Brücke sind Stahlgitter angebracht, gerade groß genug, dass Katzen hindurch können. Unter der Brücke riecht es bestialisch nach Fisch. Jemand hat auch eine rote Decke darunter gelegt. Auch eine leere Whiskasdose liegt da. Alle Katzen sind getiegert bis auf eine kleine schwarze und eine große graue. Die Graue hat eine Wunde am linken (oder rechten?) Hinterpfoten. Ich glaube, die 11 Katzen sind ein beliebteres Fotoobjekt als der Markusplatz! Die meisten Katzen haben sich schon verzogen, weil jetzt die Touristen überhand nehmen. Es sind nur noch 4 da. Ich versuche den Platz hier zu beschreiben (von rechts nach links). Rechts ist der Canale Grande - zwei Haltestellen ("Accademica") dann eine Art kleiner Garten mit Gitterstäben umzäunt, die Brücke, eine Mauer mit Zaun hinter der ein großes Haus mit Park ist. Man sieht aber nicht viel davon, am Zaun stehen viele, alte, große Bäume (Kastanien usw.). An der Schmalseite des Platzes steht ein großes, rotes Haus, dahinter eine Kirche. Am Haus sind zwei Straßenschilder: "Cambo S. Vidal" und "Parrocchia di S. Stefano". Neben dem Haus, bzw. hinter mir fließt der "Rio de S. Vidal". Er ist keine 3m breit. Ich kann an ihm entlang sehen, hübsche Wohnhäuser mit vielen Blumen am Fenster. Über den Kanal führen 3 Brücken (am Fuße einer sitze ich) mit schönen eisernen Gittern. An der drübrigen Seite des Rio di S. Vidal sind Wohnhäuser, direkt hinter mir das deutsche Konsulat. Ich vergaß, am Fuße der Brücke steht eine wunderschöne Laterne. Ich gehe weiter in Richtung Markusplatz.

14:26 Uhr
Aus dem Markusplatz ist nichts geworden, ich bin zur Rialtobrücke gegangen. Unterwegs habe ich für Mami zum Geburtstag eine kl. bemalte Glasvase und ein kl. Döschen gekauft. Für Hopfen einen Glassnoopy. Der Platz auf dem ich jetzt bin, heißt Campo S. Polo. Er ist zu groß, als dass ich ihn in allen Einzelheiten beschreiben kann. Hier stehen nur Wohnhäuser und kein Kanal ist in der Nähe. Zwei Schäferhunde spielen. Es ist langweilig, aber doch schön. Ich gehe weiter, um noch ein leeres Buch für mich zu suchen. Holy Fuck.

15:17 Uhr
Ich sitzte in bzw vor einem Cafe am Markusplatz. Ich kann den ganzen Platz überblicken. Links von mir ist der Dogenpalast, daneben der Campagnile. Jetzt scheint die Sonne, heute Vormittag hat es in Strömen geregnet. Der Weg von der Rialtobrücke zum Markusplatz ist in gewisser Art und Weise einfach schrecklich. Man befindet sich in einem Stom von Touristen, meistens Deutsche, und links und rechts nichts als Geschäfte. Übrigens habe ich gerade ein Cola bekommen für 1800 Lire (4,50 DM) ! Scheiße kein Geld !! Venedig muss im Winter herrlich sein, ohne diesen vielen Leute. Ich habe sowieso vor mit Hopfen in 2 Jahren zu Pfingsten nach Venedig zu trampen. Die Stimmung hier: momentan etwas traurig, weil hier eine kleine Kapelle etwas trauriges spielt. Jedes Café hat hier seine eigene Kapelle. Finde ich recht lieb. Sonst würde ich die Stimmung als "klassische Ergriffenheit" beschrieben. Ich meine, die meisten Leute gehen schweigend schauend fotografierend oder ihre Stimmung einem anderen erklärend vorüber. Viele Tauben fliegen fressen und gehen hier. Ich habe es mir nie anderes vorgestellt. Das Cola fängt an, wässrig zu schmecken. Eine Fremdenführerin geht mit einem rosa Staubwedel ihrer Gruppe voran. Ein Mann im Tennisdress mit einem Aktenordner geht vorbei, Tauben streichen im Tiefflug über meinem Kopf hinweg. Die Kapelle fängt wieder an zu spielen. Ein Mann beobachtet mich die ganze Zeit. Ich nehme an, er wundert sich, warum bzw. dass ich soviel schreibe. In 5 Minuten gehe ich zum Hafen. Der Oberkellner sieht sauer aus. Wahrscheinlich, weil so wenig Leute hier sitzen. Die Wissen aber warum. Ich gehe.

16:04 Uhr
Ich sitze am Fuß einer Laterne, das Meer im Rücken, die "Ponte de la Piaga" vor mir. Von der Ponte aus hat man Blick auf die Seufzerbrücke. Gerade sind 4 Leute aus einem Motorboot ausgestiegen, jetzt kämmen sie sich gegeseitig! Äußerst blödsinnig! Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, dass mich einer von ihnen gerade fotografiert hat. Man dem Gebäude direkt vor mir (Gefängnis: "Riva degli Schiavoni 4201") hängt eine Fahne "L. de Luigi Augusto 1978". Ich schwitzte. Leben möchte ich nicht hier. Durch die vielen Menschen wirkt alles etwas hektisch, obwohl, eigentlich so ein kl. Palozzo wäre nicht zu verachten. Aber nicht für immer. Ich bin mitten in einer Familienphotografiersituation. Seufz. Hier in Venedig wurden mindestens schon
eine Milliarde Fotos gemacht. Mir ist aufgefallen, dass sich viele Italienerinnen zu sehr schminken. Bei dieser Hitze kann ich mir nicht vorstellen, dass Venedig sehr kalt sein kann. Im Hafen liegt ein großes, graues, amerikanisches Kriegsschiff vor Anker. Ich kann es von hier aus nicht sehen, mir ist es nur gerade eingefallen. Ich lese, was ich bisher geschrieben habe. Ich bin fertig mit dem Lesen. Sehr viele Tauben fliegen über mich hinweg. Ein Tauberich balzt gerade. Die Täubinnen kümmern sich aber garnicht darum. Ein Schäferhund mit Maulkorb rennt hier rum. Es ist zu heiß, ich muss in den Schatten!
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Die Fotos sind von 2002, Karneval. Tagesreise mit einem Bus, megabillig nur 38 €. Lernte im Bus eine Bulgarin kennen, mit ihr war ich dann unterwegs. Lies mich treiben, habe gutes Gefühl, man kommt immer irgenwie wieder am Markusplatz oder Canale Grande raus. Wollte unbedingt das Peggy-Guggenheim-Museeum besuchen, hatte die Biografie von Peggy Guggenheim gelesen und vorher schon das Guggenheim in
New York besucht.

Bewundere Ihrem Geschmack, bis auf das, dass sie sich mit ihren Pekinesen hat begraben lassen. Naja, jeder hat so sein...Die Biografie ist wirklich interessant, ohne sie wären eine Menge bekannter Künster gar nicht so bekannt geworden, oder sogar verhungert. Ihre Lieben waren unglücklich, vor allem die zu Max Ernst. Sie nahm in mit in ihre Heimat New York, als sie Europa verlassen mussten, wegen den Nazis. Ja er liebte sie so überhaupt nicht zurück. Er hat ein Bild gemalt, in dem er das ausdrückt, Peggy mit ihren großen Füßen, als grünes Monster (Mistkerl). Ich hab es als Poster im Museumsshop gekauft, es hängt über meinem Bett. Über ihrem hängt ein Mobile von Alexander Calder. Jedenfalls, wer moderne Kunst liebt, wird auf
dieses Museum am Canale Grande voll abfahren. Es ist zum Teil die Wohnung von Peggy, die mit und in Kunst lebte, nicht als Kapitalanlage irgendwo wegschloss.

Beim Verlaufen in Venedig hab ich ein paar wundervoll morbide Ecken gefunden. Klar dass in x Roman Leute in solchen Winkeln ermordet werden. Das Schöne am treiben lassen: ist man von Markusplatz weit genug weg, zahlt man nur noch einen Bruchteil für Espresso und ähnliches. Als ich dort war, Espresso 80 Cent.

Venedig ist eine Stadt, die ich bei Gelegenheit wieder besuchen werde. Vorzugsweise im nebligen November.



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