zeitreise

Meine große Liebe ist zu Besuch bei mir gewesen. Damals, wir waren 16 und 18 Jahre alt, waren wir ganz heftig ineinander verliebt. Aber keiner sagte es dem anderen. Ich hatte Sehnsucht, Angst, spürte Verlangen, Liebe, brannte lodernd. Das ging mehrere Jahre so. Wir waren viele einzelne Nächte zusammen. Eroberten uns jedesmal neu, trennten uns immer wieder, ohne ein Versprechen abzugeben. Ich kann mich nicht mal mehr an den Sex an sich erinnern. Nur an die wundervollen Gefühle, die ich in diesen Nächten hatte.

Ich hatte nebenbei einen festen Freund, den ich nicht so sehr liebte, wie den anderen, vermeindlich unerreichbaren. Als ich mit 20 schwanger wurde, wußte ich nicht von wem. Ich entschied mich bei dem zu bleiben, den ich weniger liebte. Er dafür mich (angeblich, das sollte sich noch herrausstellen). Bei dem anderen war ich mir erstens ziemlich sicher, dass er mich nicht liebte und zweitens wollte ich ihn nicht festnageln. Lieben bedeutet, jemanden seine Freiheit lassen, dachte ich.

Heute weiß ich aber auch, dass ich einfach Angst hatte, mich der Situation zu stellen. Meine Gefühle auszusprechen. Ein "nein" zu kassieren. Oder noch schlimmer vielleicht, ein "ja". Was bedeutet hätte, das unstillbare Verlangen, das ich spürte, womöglich durch einen faden Alltag zu ersetzen. Wir sind uns sogar heute einig, dass wir uns gegenseitig erstickt hätten. Diese Kraft war zu stark, wir waren zu jung und ahnungslos, nicht beziehungserfahren. Irgendetwas in uns wußte das anscheinend. Trotzdem haben wir uns gegenseitig weh getan, das Herz gebrochen, weil nie ausgesprochen wurde, was wir fühlen.

Ich vermisste ihn total. Ich zog mit meinem Mann in eine andere Stadt, bekam meinen Sohn. Die Ehe war schrecklich. Ich weinte viel und vermisste meine große Liebe. Er wiederum litt an gebrochenem Herzen und wollte sich umbringen. Wußte ich aber nicht. Hat er mir erst vor 4 Tagen gesagt.

10 Jahre nach der Trennung erfuhr ich über 3 Ecken, dass er mich damals auch geliebt hat. Die nächsten weiteren 12 Jahre verbrachten wir damit, jeder für sich heimlich zu merken, dass noch eine Anziehung zwischen uns besteht, dass keiner von uns damit umgehen kann und damit, uns gegenseitig noch mehr weh zu tun (wir wohnten wieder in der selben Stadt, hatten andere feste Partner). In den letzten Jahren haben wir uns nur zwei Mal gesehen, kurz, nie allein. Und letzte Woche war er dann hier, eigentlich nicht wegen mir speziell, ehr ein Zufall, er hat in der Gegend etwas zu tun. Es ergab sich aber für mich ein neues Gefühl. Ich bin so klar im Kopf, das ist direkt Wahnsinn. Ich kann klar sehen. Ich kann ihm sagen, was ich fühle. Und er mir auch. Ich kann sagen, was ich fühlte, warum ich so reagiert habe. Das konnte ich noch nie. Ich war immer Spielerin bei Männern. Ich hatte immer Angst, Gefühle zu offenbaren. Gefühle waren total unberechenbare Größen, völlig willkürlich und unkontrollierbar. Nur unterdrücken funktionierte (unter Schmerzen). Jetzt kann ich sie klar sehen, auftauchen lassen, ansehen, betrachten, drehen, wenden. Verstehe, wie aus Gefühlen Wirklichkeit wird. Wie Gefühle Gedanken so intensivieren, dass sie sich materialisieren. Und dass ich entscheiden kann, welchen Gedanken ich das nötige Gewicht geben will.

Was will ich erreichen? Die gebrochenen Herzen heilen. Und dann über die Gegenwart sprechen, die eine ganz andere ist, als die Zeitschleife, in der unsere Gefühle jetzt gefangen sind. Ich fühle ihm gegenüber eine tiefe Vertrautheit. Mir der rasenden Liebe von damals hat das nichts mehr zu tun. Jetzt fühlt es sich ruhig an, tief. Wie im Lotussitz. Damals wars ehr Highway to Hell.

Ich machte eine schamanische Reise, um zu ergründen, worin die besondere Verbindung zwischen uns besteht/bestand. Meine inneren Berater sind ja wahrlich sehr trocken. Die besondere Verbindung war die, dass wir es geschafft haben, in den Nächten die wir zusammen waren, einen Art heiligen Raum entstehen zu lassen. Eine Nähe, eine Verbindung, eine Geborgenheit, die unsere ganzen Probleme, Sorgen, das schwierige Erwachsen werden, Stress usw. alles komplett ausklammerte. Die Insel der Glücksseligkeit für eine Nacht. Ich kehre sogar ab und zu heute noch auf die Insel zurück, ich habe einen bestimmten Song von damals auf meinem iPod. Wenn ich den höre, fühle ich mich wohl. Santana - Caravanserai - Eternal Caravan of Reincarnation.

Am Dienstag kommt er nochmal zu mir. Wie will ich die Gegenwart erleben? Was fühle ich jetzt? Das Thema "möglicher Erstickungstod" ist immer noch aktuell, bei mir. Das hab ich nämlich grundsätzlich. In den Beziehungen, die ich hatte, war der Preis des Stillens meiner Sehnsucht nach Nähe des geliebten Partners, das permanente Gefühl, lebendig begraben zu sein. Deswegen gehts mir ja auch so gut, weil ich endlich alleine lebe. Außerdem weiß ich noch weniger als mit 16, was Liebe ist. Oder wie ich sie ausdrücken will. Ich bin sicher, da gibt es ganz andere, interessante Möglichkeiten, jenseits von Schematas und vorgelebten Mustern. Außerdem lern ich grad erst, mich selbst richtig zu lieben.
liebe angst sehnsucht kraft kopf lotussitz santana



6 Kommentare:
Liebe Ingrid !
Hmm, das mit dem "heiligen Raum" habe ich auch schonmal geschafft, ausserhalb meiner Ehe.
Und dem trauere ich auch irgendwie noch nach, auch wenn ich in mir drin spürte, dass es auf Dauer und vor allem auf Nähe nicht geklappt hätte.
Ich wäre auch nicht bereit gewesen, meine Familie aufs Spiel zu setzen..
So einen klaren Kopf wie Du hätte ich auch gern und eine schamanische Reise würde ich auch sehr gern mal machen. Aber allein tut frau das lieber nicht, oder ? Ich will ja auch wieder zurückkommen ;)
Aber zu Dir zurück : ist das nicht eine schöne Erfahrung, mit genügend Abstand alles gemeinsam nochmal ansehen zu können und vielleicht sogar etwas heilmachen zu können, was noch verwundet ist ?
Ich wünsche Dir, dass es klappt !
Alles Liebe
Ursel
Liebe Ingrid,
Was man sonst als vor der Verantwortung fliehen oder derber als
Verhältnis bezeichnet,umschreibst du so liebe-u.respektvoll,dass ich einen ähnlichen Meilenstein in meinem Leben in völlig anderem,milderem Licht sehe.Als endlich! nach 7 Jahren der Entschluss kam den Traum wahrwerden zu lassen,schrieb der Tod die Regeln
neu.(Übrigens auch Berlin).Was nie,bis heute nicht,aufhörte ist diese Liebe und die Verbindung.
Habe immer geglaubt es könne keine grössere Liebe geben,aber da irrte ich mich.Wahrscheinlich gibt es sowieso keine grössere,kleinere,sondern nur verschiedene Qualitäten von Liebe.
Ist deine grosse Liebe aktuell gebunden?
Grüsse
ja klar, groß oder klein ist nicht relevant, es gibt einfach verschiedene Arten von Liebe. Aber: first cut is the deepest. und die meisten anderen geschichten hab ich so weit ausagiert, dass es nichts mehr hinzuzufügen gibt. ja er ist gebunden, und das sollte auch so bleiben. mir geht es in erster linie darum, die vergangenheit zu heilen. was ich jetzt überhaupt fühle weiß ich nicht, geschwiege denn, was ich in der Gegenwart machen möchten. Und auch noch nicht, was er darüber denkt, über die Gegenwart.
Ingrid,jetzt hast du was in mir angestossen!Überlege die ganze Zeit, dass ich mich hätte gar nicht so beschissen fühlen müssen,die sieben Jahre lang.Hab mir von Andern das Negative einreden lassen und gelitten wie ein Hund.Wenn, wenn wenn ...
In meiner Jugend hab ich einfach nicht klargesehen und hab mich von Klischees leiten lassen.Aber besser spät als nie.Richtige Liebe vergeht sowieso nie, verändert sich zwar, aber ist unvergänglich.
Grüsse
UFF! WOW!
Ich bin ziemlich von den Socken, nicht nur über das was du schreibst, sondern aufgrund der wunderbaren Wendungen des Lebens an sich...
Es ist wunderschön, wenn Menschen die Gelegenheit bekommen, gemeinsam erlebte Wunden auch gemeinsam zu heilen.
Ich wünsche dir, ihm, euch, alles Gute auf dem Pfad der Klarheit
:)
Wurde ganz stark an 'Salz auf meiner Haut' von Benoit Groult erinnert und an eine ähnliche Geschichte, die ich mal bei Rhea Powers las. Hatte selbst auch viele Jahre lang so einen 'himmlischen Geliebten'. Ich glaub, nicht jede Liebe ist alltagstauglich, wie Du schon schriebst. Manche sind vielleicht nur Ausblicke in Welten, wie sie sein könnten, aber (noch?) nicht sind.
Und Ursel, mach ruhig mal ne Reise, Du kommst sicher zurück.
Juansi
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