körpergefühl

Körper, Körperlichkeit, Schönheit. Dossier in der Emma über Magerwahn. Habe es nur überflogen. Kenne das. Habe schon ewig eine Essstörung. Nicht Besorgnis erregend, aber doch existiert sie. Fange ganz unschuldig mit Vollwertkost an, um zu genießen, mich gesund zu ernähren. Mein Verstand registriert, dass ich abnehme. Sofort stellt sich Bessenheit ein. Eine gewisse. Ich wiege. Mich. Sobald die Fixierung eingesetzt hat, bewegt sich der Zeiger keinen Millimeter mehr. Der Genuss ist schon wieder in den Hintergrund geraten. Ich denke nach, messe. Rechne. Zahlen ersetzen die Leichtigkeit, die Freude.

Träume vom Idealgewicht. Jetzt kann ich es endlich erreichen. Und dann? Es nervte mich, dass ich Größe 46 hatte. Eine Zeit lang war es mir egal. Ich genoss die Freiheit, zu essen was mir wann in den Sinn kam. Ausgerechnet Größe 46. Das ist die magische Grenze. Die Größe, bei der die "anderen" Klamotten anfangen. Die ausladenden Schnitte, die Übergrößen. Die geringere Auswahl, die häßlicheren Sachen, die teureren Sachen.

Seit einiger Zeit kotze ich wieder alle paar Wochen. Wenn ich so viel gefressen habe, dass es mir schlecht ist. Es muss raus. Wo ist der Punkt, an dem ich satt und zufrieden bin? Ich kenne ihn nicht. Manchmal schon. Manchmal spüre ich nur Hunger. Hunger, der nicht aufhört, auch wenn mir schon schlecht ist.

Sehe mir Germanys Next Topmodel mit dem Interesse eines Schaulustigen bei einem Autounfall an. Beurteile die Mädchen. Dann schaudert es mich wieder. Das sind Träume und Leitbilder für junge Mädchen. "Die Prinzessinnen von heute" sagt eine Freundin, die Töchter im entsprechenden Alter hat, und sieht wie sie darauf reagieren. Beobachte, wie sich die Mädchen in wandlungsfähige Zombies transformieren.

Mache eine Collage. Schneide Models aus der Brigitte aus. Sie sind dünn. Erschreckend dünn. Keine Oberschenkel. Schneide Bilder von "richtigen" Frauen aus. Frauen, die gealtert sind. Frauen, die lebendig aussehen. Stark, aktiv. Keine Masken. Individualität. Ausdruck.

Finde ich es bei mir? Bekomme viel Feedback, meine Schönheit, meine Ausstrahlung. Weise es von mir. Wie einfach ist es, mich auf einen unvollkommenen, verwelkenden Körper zu reduzieren. Damit kann ich alles, jeden Funken, jeden Fortschritt, jedes Talent einfach wegwischen. Aufhören, mich meiner eigenen Kraft zu stellen. Mich hinter einem wenn-dann-nur-jetzt-nicht verstecken. Keiner verlangt das von mir, keiner zwingt mich dazu. Ich tu es.

Es ist so einfach. Alle Enttäuschungen in der Liebe - klar. Ich bin ja nicht schön genug. Nicht schlank genug. Und ganz neu: zu alt. Das erklärt jedes verletzte Gefühl, jedes Gefühl der Schwäche, der Unzulänglichkeit. Schön, dass es ein wenn-dann gibt, dass ich messen kann. Ausrechnen. Und nie erreichen.

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10 Kommentare:
Wieder so ein schöner Post! :) Kenn ich alles gut, was du schreibst. Das ist so ein unendliches Thema, also - ich fange gar nicht an, das wird ja immer so riesig lang bei mir...
Die Collage würde ich sehr gerne sehen. Wenn du Lust hast, sie reinzustellen...
Liebe Grüße!
Das hat's jetzt wirklich getroffen! Bei mir ist es anders herum, ich höre auf zu essen. Das war in meiner Kindheit das beste Mittel meiner Mutter zu zeigen, dass ich mache was ich will. Und es war das beste Mittel um Zuneigung zu bekommen, nach dem Motto "Kind iss doch was...". Noch heute, 40 Jahre später kann ich von jetzt auf gleich das Essen einstellen, immer dünner und schwächer werden und mich dabei viel zu fett fühlen. Und noch heute macht sich mein Umfeld dann Sorgen und "kümmert sich". Krank! Wie alt frau wohl werden muss um endlich zu heilen und solchen Schwachsinn zu lassen? Das mit der Collage finde ich eine gute Idee. Werde ich auch mal ausprobieren, vielleicht hilft die Verbildlichung um klarer sehen zu können.
Toucher!,liebe Ingrid!!
Hast wiedermal gute worte gefunden für etwas, was auch immer wieder durch mein leben geistert.Dieses sich-definieren durch äußere erscheinungsformen und das dann doch nicht gutgenugsein.Der gedanke schoß mir schon bei deinem blog mit deinen teenagerphotos durch den kopf, da schriebst du auch zu einem bild dazu"muß schon sagen, war schon sehr hübsch"oder so ähnlich.
Mein erster schritt mich davon zu lösen ist, es mir bewußt zu machen, von moment zu moment die fußfessel zu bemerken und mir zu sagen, nee, ich vergleich mich jetzt nicht.
Ist blöde kopfarbeit, aber hilft mir. NIcht immer, aber immer öfter,... jaja, genug werbung hab ich auch gschaut, dasss ich die sprüchlein kenne.
Noch einen feinen, genußreichen,von innerer schönheit getränkten tag!!
"WAlk in beauty"...woher kenn ich den spruch?!
Lg,Doris
Gehen wir in unserer ureigenen Schönheit.
Du bist nicht allein!
Liebe Ingrid
Ich glaube das ist der springende Punkt, den du da erreicht hast. Zumindest bei mir. Essstörungen haben viele Gesichter. Ich habe keine, esse ausgewogen und zufrieden und bin laut den Ärzten völlig gesund. Ich sehe aus wie die armen Models, war schon immer klapperdürr, gehe nun auf die 30 zu und mein Körper nimmt immer noch einfach keine Nahrung an. Wie tief liegen die Wurzeln für so eine "Einstellung"? Seit einiger Zeit frage ich mich das... Als ich deinen Post las hatte ich das Gefühl ich bräche auseinander. Tränen kamen. Ja, wie kraftvoll und schön, wahrhaft schön, wollen wir eigentlich sein? Wollen wir strahlen, gesehen werden, in unserer Einzigartigkeit und uns all die Liebe zuführen zu der wir fähig sind? Oder uns lieber verstecken, hinter Schwäche, Krankheit und Selbsthass. Es ist fast unglaublich wieviel Mut es braucht, aufzu(er)stehen, man Selbst zu sein, in die Positivität, raus aus all den Lügen. Das ist es was ich uns allen wünsche.
The Walk in Beauty prayer:
Oh, Great Spirit, whose voice I hear in the wind,
Whose breath gives life to all the world.
Hear me; I need your strength and wisdom.
Let me walk in beauty, and make my eyes ever behold the red and purple sunset.
Make my hands respect the things you have made and my ears sharp to hear your voice
Make me wise so that I may understand the things you have taught my people.
Help me to remain calm and strong in the face of all that comes towards me.
Let me learn the lessons you have hidden in every leaf & rock.
Help me seek pure thoughts & act with the intention of helping others.
Help me find compassion without empathy overwhelming me.
I seek strength, not to be greater than my sister, but to fight my greatest enemy - Myself.
Make me always ready to come to you with clean hands and straight eyes.
So when life fades, as the fading sunset, my spirit may come to you without shame.
Liebe Ingrid,
berühren mich sehr deine Zeilen. Essen ist zwar eher nicht mein Problem eher Liebe und Sexualität und ich bin bisher auch noch niemanden begegnet, der/die keinen Riß (so sage ich halt dazu) hat. Das meinte ich auch damit, daß ich nicht darum herumkomme an mir zu arbeiten, mit Wünschen allein klappt das nicht. Und ich habe die Erfahrung gemacht, daß es wichtig ist dran zu bleiben, sonst stellt sich keine Besserung ein, eher so ein Jojoeffekt. Klar Menschen, die sich auf den bewußten Weg machen, ist meist alles klar. Das heißt aber noch lange nicht, daß wir danach (nach dem Wissen)wirklich handeln oder gar fühlen können. Geduld mußt du hier mit dir haben, dran bleiben heißt nicht perfekt sein müssen. Selbsthilfegruppen haben mir viel geholfen beim dranbleiben. Nach 10 Jahren Selbsthilfegruppen kann ich heute die meisten meiner früher selbstzerstörerischen (oder meinetwegen lieblosen)zwanghaften Muster lassen. Ein langer Weg und hätte mir eine früher gesagt, wie lange es dauert wäre ich vielleicht nicht losgelaufen. Denn meine Struktur ist: alles (Liebe, Geld, guter Sex, guter Job, Erfüllung eben) sofort, eben süchtig. Aber heute würde ich auch nicht mehr zurückwollen. Ich habe heute soviel mehr Eigenmacht, ohne kontrollieren zu wollen (oder besser, ich weiß gleichzeitig, daß ich kaum etwas kontrollieren kann:)). Daraus entsteht Selbstwürde und all die großartigen Dinge. Ich lasse es jetzt lieber. Natürlich ist es nicht immer so, aber immer öfter :)). Grüße dich herzlich, Silvia aus Berlin
P.S. Wahrscheinlich bin ich leider nicht in Berlin, wenn du da bist. Ich sage dir aber noch kurz vorher Bescheid.
Liebe Ingrid,
ich habe sicher die Hälfte meines Lebens damit zugebracht, mich für manche Körperteile zu schämen und zu hassen. Ich bin nach Phasen, in denen ich nur geheult und meine Selbstbezogenheit verurteilt hab, immer wieder hoch, um mein "Problem" anzugehen. Das ist meine ganze Pubertät lang so gegangen, dass ich innerhalb eines Monats ganz abgestürzt bin und dann wieder neuen Mut gefasst habe. Ich hab immer gehofft, dass ich es dieses Mal schaffe, mich unter Kontrolle kriege, endlich aufhöre, so häßlich zu sein (bzw. mich so verzerrt zu sehen) :)
Der Knackpunkt war, als ich begriffen habe, dass zB mein vermeintliches "Fett" ein Leben lang bei mir bleiben könnte, weil es eigtl. kein Problem zu überwinden gibt. Mir hat eine gute Freundin geholfen, alles zu erkennen was mich mein langjähriger Feind gelehrt hat: Immer wieder aufzustehen und nach neuen Wegen zu suchen, wenn die bisherigen nicht geklappt haben; Aufmerksamkeit und solche Dinge.
Ich durfte auf diesem Weg zB erleben, wie sich jahrelange, sehr starke und hartnäckige Regelschmerzen innerhalb eines Monats völlig verflüchtigt haben. Ich möchte diese "Höllenjahre" um nichts in der Welt hergeben, weil ich heute die Mechanismen des Abstürzens kenne und weiß, dass ich mir selbst ein gutes Auffangnetz bin.
Herzliche Grüße aus dem frühlingserwachten Graz
hallo ingrid,
du hast auch bei mir einen nerv getroffen, merci.. zur zeit beschäftigt mich die ultimative drohung "zu alt" - ich bin so alt wie du, "zu dick" war nie mein problem, aber alt werden: wie geht das überhaupt??
lg
pandora
also eure kommentare sind sehr bewegend. bin froh, dass ich über das thema geschrieben habe. ist mir nicht leicht gefallen, frau behält sowas gerne für sich... aber während des schreibens hat sich auch bei mir etwas geklärt.
übers altern vielleicht im nächsten post, auch ein gutes thema.
berlin: ja schade dass du nicht da bist silvia, dann beim nächsten mal, ich komme wieder!!
lg ingrid.
Freu mich schon auf den "ALT"-post!
Witzig, dass irgendwie alles so punktgenau trifft.
"Wenn der schüler bereit ist, erscheint der meister"-auch so ein spruch, der mir gerade schießt, mei, ich steh mirs halt auf gscheite sprüchln ;))
lg aus dem winterlichen tirol,
Doris
@she-ra:Danke für das walk in beauty-gedicht, ich wusste nicht, woher es stammt, kannte nur den titel.Wunderschön!!
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