Donnerstag, April 10, 2008

immer noch alt



Habe wohl die Problematik des Alterns unterschätzt, sehe ich am Feedback und meiner Beschäftigung mit dem Thema, seit ich den ersten Post geschrieben habe.



Den habe ich aus meiner Sicht geschrieben, also aus der Sicht einer 45jährigen, die gerade erst anfängt zu bemerken, dass der Alterungprozess einsetzt und mit den entsprechenden Veränderungen umgeht. Das sind zum einen die inneren, tatsächlichen, und die höchst subjektiven, die auf die Außenwelt gerichtet sind.



Den Abschnitt, in dem ich mich befinde, empfinde ich als Art von Bilanz ziehen. Wo bin ich, wo stehe ich, was hab ich alles erreicht, was lohnt sich weiter zu verfolgen, was ist langweilig und erwiesenermaßen sinnlos. Das Augenmerk ist aber schon auch auf eine Zukunft und ein Bewusstsein darüber gerichtet, dass sich Anhäufen von Dingen wohl ehr in der zweiten Lebenhälfte nicht so lohnt. Reduzieren ist noch nicht angesagt, aber Anhäufungen zu erschaffen scheint mir sinnlos. Ich meine jetzt richtige Anhäufungen, ein Haus kaufen zum Beispiel. Ich sehe es an meiner Mutter, die dieses Jahr 68 wird, ein Haus ist eine Last. Ein Haufen Arbeit. Aber das zum Persönlichen. Jemand anders möchte vielleicht endlich die Freiheit erleben, in einem eigenen Garten zu buddeln. Oder wie Arike mit dem Hirsehaus, sich einen Traum von einem Haus als Begegnungs- und Zufluchtsstätte für Frauen erfüllen.



Die Bilanz ist also sehr persönlich. Was gleich ist, ist die Entscheidung: was ist mir wirklich wichtig. Das erste Bewusstsein, dass die irdische Existenz begrenzt ist, dämmert herauf. Viele Frauen erlebe ich auch in einem Prozess, in dem sie lernen, keine Energie mehr zu verschwenden, sondern nur noch die Dinge zu tun, die ihnen wirklich wichtig sind, und sich nicht mehr vor alle möglichen Karren spannen zu lassen. Das ist auch Lebenserfahrung, zu sehen, dass diesbezügliche Versprechen niemals eingehalten werden und Hoffnungen auf Lohn und Dankbarkeit zerschlagen sind. Die Einsicht, dass frau für ihr Glück nur selbst sorgen kann, ist nun deutlich und vorhanden.



Die Lebenserfahrung hat auch gezeigt, welche Beschäftigungen und Energien wirklich glücklich und erfüllt machen. Jetzt ist die Zeit, radikal nein zu allem unnützen zu sagen und die persönliche Glücksforschung zu vertiefen.



Was noch später passiert, kann ich nur erahnen. Es bleibt ja die ultimative Konfrontation mit Tod und Vergänglichkeit nicht aus. Da das jedem passiert, gibt es unendlich viele Möglichkeiten, damit umzugehen. Vom Hingeben an die Energie und der Transzendierung des Körperlichen, des Begreifens, dass irdische Existenz endlich, tatsächliche jedoch ewig ist, bis hin zur totalen Verdrängung oder gar nicht erst wahrnehmen.



Das sind Wogen spirtitueller Natur. Lebenspraktischer ist da nochmal was. Ängste sind da. Ich will nicht ins Altersheim. Was ist, wenn ich allein und hilflos bin. Was ist mit der finanziellen Seite, meine Rente liegt noch unter dem Sozialhilfesatz. Riester hilft Frauen in meinem Alter mit einem Durchschnittseinkommen nämlich auch überhaupt gar nichts mehr. Die Fragen stellen sich für Frauen mit oder ohne Familie. Wer sagt denn, dass sich meine Kinder irgendetwas um mich scheren, wenn ich unbequem und hilfsbedürftig bin? Oder der Mythos vom "zu zweit" alt werden. Wer sagt denn, dass da nicht eine riesen Last draus werden kann? Einer von beiden wird Pflegefall und verbraucht die Energie des anderen mit. Wer sagt denn, dass zwei Menschen, auch wenn sie sich gefunden haben, dann auch nahezu gleichzeitig sterben?



Neu Ideen gibt es viele, sie werden auch schon praktiziert. Oft natürlich auch mit dem nötigen Kleingeld verbunden. Altersgerechte Eigentumswohnungen mit Betreuung z.B. Wir haben uns auch schon Gedanken bezüglich einer Alters-WG gemacht. Wobei eine gemischte WG eigentlich schöner wäre. Wenn schon die Familien immer flexibler wären und der Bevölkerungsdurchschnitt immer älter, kann doch auch mal eine Patchworkfamilie mit mehreren Generationen entstehen. Das will aber auch nicht jeder.



Bin jetzt schon so eine Eigenbrötlerin, das wird bestimmt in den nächsten 30-40 Jahren nicht anders. Ich will meine Hütte im Wald....



Treffen mit Freundinnen wird auch immer problematischer, weil sie sterben ja weg. Da könnt ich gut Chancen haben, habe mehrere Freundeskreise, dabei auch einer, in dem ich deutlich die Älteste bin. Das hat ja auch was. Ich fühle mich wohl mit ihrem jung sein und sie sich mit der Art und Weise wie sie eine Mitvierzigerin erleben.

3 Kommentare:

Am/um 10:29 AM , Anonymous Anonym meinte...

Hallo, ingrid!
Ja, da sind wirklich die wogen hochgegangen beim thema alter/n.
Ich merke ja an mir selber, wie heikel es für mich ist.
Was mir noch dazu eingefallen ist:
wie in anderen kulturen mit alten, mit dem altwerden umgegangen wird.
Ist es tatsächlich so, dass z.b. im asiatischen raum die alten hochgeschätzt werden, oder greift da auch schon das "verstauen von den lästigen alten in betreuungswaben"?Ich nenns ganz spitz mal so, meine mich an einen bericht über alte menschen in china zu erinnern, mit denen nicht grade fein umgesprungen wird.
Aber das ist bei uns ja auch nicht anders, alt bedeutet oft, nicht mehr"appetitlich"zu sein, anders zu riechen, das schafft gern mal abstand.
Gibt es denn in anderen kulturen sowas wie das vorbild"weise alte"?
Ich habe anhand der debatte gemerkt, dass ich großes bedürfnis nach anderen lebensbildern bekomme, jetzt mal unabhängig von sexuellen bedürfnissen.Kann das, was du übers anhäufen schreibst nur unterstreichen und grundsätzlich war ich überrascht, dass sich die hitzige diskussion so am begriff der schönheit im alter festgebissen hat, sind wir echt nur augenmenschen, wo bleiben da die berüchtigten "inneren werte"??
Lg aus tirol,
DER FRÜHLING KOMMT!!
Doris

 
Am/um 10:38 AM , Blogger Ingrid Jahn meinte...

Hallo Doris,
die Weise Alte ist ja ein Vorbild unserer Kultur. Sie wurde mit der Verbreitung des Christentums zum Verschwinden gebracht.
Ein sehr schönes Buch dazu "Die Weise Alte" von Barbara Walker.
In anderen Kulturen gibt es sicher vergleichbares.
Die weise Alte gehört ja zur Trinität Jungfrau-Mutter-Weise Alte, die jede Frau in ihrem Lebenszyklus durchmacht, aber auch in ihrem Menstruationszyklus (vor dem Eisprung - Eisprung - Blutung). Das Abbild findet sich auch in den Jahreszeiten - im zyklischen Verlauf der Zeit.

Link für das Buch bei Amazon:
http://www.amazon.de/Weise-Alte-Kulturgeschichte-Symbolik-Archetypus/dp/3881041559/hexenbuchlade-21

lg ingrid.

 
Am/um 10:41 AM , Blogger Ingrid Jahn meinte...

das mit dem link klappt nicht.

also so:

hier klicken für das buch

 

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