
Wiedereinführung des Matriarchats - wissen wir überhaupt, wie die alten Matriarchate ausgesehen haben? Sämtliche Theorien werden immer Mutmaßungen bleiben. Sind alle Frauen besser als die Männer? Bringt es Frauen weiter, wenn sie immer mehr Führungspositionen erobern? Alle diese Fragen werden immer im Lichte des Patriarchats gestellt, aus unserer Denkungsart heraus, die wir gelernt haben und die sich über mindestens zwei Jahrtausende in unserem kollektiven Unterbewusstsein festgesetzt hat.

Ich möchte keine neue Staats- oder Führungsform mit dem Matriarchat etablieren, es geht nicht um den Umsturz des großen Ganzen von oben herab. Es geht um die einzelne Frau. Das Lebensgefühl der einzelnen Frau. Welche Bindungen sie zur weiblichen Energie hat. Wie sie leben kann, wie sie sich verwirklichen kann, wie an ihr schöpferisches Potential kommen. Der erste Schritt hierzu ist einmal das beiseite lassen der Männer. Das muss nicht zwingend heißen, gleich Mann und Familien zu verlassen. Das beiseite lassen der Männer in unseren Köpfen ist gemeint.

Meine erste Reaktion in der Pubertät war sofort, mich mit dem stärkeren Geschlecht zu solidarisieren. Um etwas Würde zu behalten und nicht nur Kuscheltierchen und willenloses Spielzeug zu werden, musste ich das tun. Alle Karrierefrauen arbeiten so. Sie gewöhnen sich die Regeln der Männer an, um in einer Männerwelt zu überleben. Sie wissen und sie spüren recht schnell, dass sie in ihrem Fachgebiet genauso gut oder besser als die konkurrierenden Männer sind. Um aber beruflich nach oben zu kommen, bedarf es noch mehr. Sie müssen auch in der Männerwelt überleben können. Sich maskieren praktisch. Wenn eine Frau das weiß und durchschaut, mag es ja noch funktionieren. Tut sie das nicht, kann das ziemlich bösartige Formen annehmen, da eine Frau immer besser sein muss als ein Mann, um die gleiche Position zu erreichen. Das heißt auch, dass praktisch nichts für eine nicht mehr so frauenfeindliche Welt gewonnen ist, nur wenn Frauen auch in Führungspostionen kommen. Das System bleibt davon unangetastet. Gut, das macht Frauen an sich noch stärker, sie lernen Höchstleistungen zu vollbringen und sehen es deutlich, dass sie mindestens genauso viel können, wie Männer und sogar noch mehr, da sie auch noch Kinder und Haushalt zusätzlich haben. Es mag Männer geben, die Haushalt und Kinder fair teilen, die sind jedoch in der Minderzahl. Zusätzlich mag es in der Partnerschaft noch zu Problemen kommen, wenn eine Frau in eine höhere gesellschaftliche Position kommt als ihr Ehemann. Das ist aber auch noch nicht das, was ich meine. Die Machtübernahme durch immer mehr Frauen käme tatsächlich einem Polsprung gleich und nichts wäre gewonnen. Wir würden noch nach den selben Regeln und Gesetzen arbeiten. Die medizinische Versorgung wäre die gleiche, das Konkurrenzdenken wäre das gleiche, die Ausbeutung der ganzen Erde wäre die gleiche. Die psychische Verfassung der einzelnen Frau wäre womöglich noch schlechter, weil der Leistungsdruck bis ins unermessliche steigt. Karriere, tolle Kinder, toller Mann, schönes Haus, nicht altern, immer gut aussehen, super Garderobe, klasse Figur, viel Geld, heterosexuell aktiv, aber nicht zu aktiv, "gut im Bett" sein, all das verlangt die "moderne" Frau von sich und fühlt sich dabei sehr emanzipiert. Und nicht wenige scheitern an diesen hohen, unrealistischen Anforderungen und haben ein permanent schlechtes Gewissen.

Ich habe einen guten Text gefunden, der erklärt, was ich die ganze Zeit versuche auszudrücken. Es ist eine mögliche Weise, es auszudrücken. Der Textausschnitt ist aus dem Buch:
Ich brauche die Göttin von Gerda Weiler.
"Es geht darum, den matriarchalen Umgang mit "Macht", matriarchales Selbstverständnis von Seins-Macht, wieder bewusst zu machen. Es geht darum, dass Frauen wieder fähig werden, ein gesundes Eigenmachtsgefühl zu entwickeln. Und es geht um Selbstfindung, wenn Frauen in Mythologie und Geschichte nach Vorbildern und Identifikationsmöglichkeiten suchen.
Die Psychologie spricht vom "Eigenmachtsgefühl", wenn es um eine unbewusste Selbstsicherheit geht, die einer noch tieferen Schicht angehört als Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein. Die Gründe für Minderwertigkeits- oder Selbstwertgefühle sind dem Bewusstsein einigermaßen zugänglich. Aber das Eigenmachtsgefühl, dass über unsere Grundbefindlichkeit in der Welt entscheidet, ist bewusstseinsfern. Es ist der verborgene Hintergrund, von dem das Bild unserer Seele sich abhebt. Ob dieser Hintergrund licht oder grau, farbig oder eintönig ist, erleben wir nur als Tendenz zu Hochstimmung oder Depression, zu Aktivität oder Lähmung.
Texte, die zum Selbstbild von Frauen beitragen, sollten deshalb mit Recht auf Aussagen über den Wert des Weiblichen überprüft werden. Es war für mich eine Befreiung zu entdecken, dass die Weiblichkeitsbilder des patriarchalen Mythos, sei er christlicher oder antiker Herkunft, keine "Archetypen" sind, sondern typisch patriarchale Projektionsmuster männlicher Ängste und Wünsche auf die Frau (Weiler 1985, passim).
Die Besinnung auf matriarchale Bedeutungszusammenhänge gibt Frauen die Möglichkeit, ihren Standort in dieser Welt selbst zu bestimmen. Die Erinnerung an matriarchale Göttinnen stellt die Verbindung der Frau zu ihrer kosmischen Dimension wieder her. Wenn ich biblische Texte auf matriarchale Kulttexte zurückführe, stelle ich verlorene und vergessene Symbole für Frauenkraft und weibliches Selbstbewusstsein wieder zur Verfügung.
Die Vorstellung eines patriarchalen Urmonotheismus wird relativiert. Der Eine Vatergott wird vordergründig. Seine Gestalt hebt sich ab vom Hintergrund matriarchaler Kulturen, und das matriarchale Bewusstsein steht als Alternative zum patriarchalen Selbstverständnis zur Diskussion.
Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern ist erst dann verwirklicht, wenn Frauen das gleiche Recht auf Weltdeutung haben wie die Männer. Dabei reicht es nicht aus, dass Frauen sich ein eigenes Recht auf Weltdeutung nehmen, sondern Männer müssen weibliche Weltdeutung ernst nehmen und ihr einen ebenbürtigen Stellenwert zuerkennen in Philosophie, Theologie und in den allgemeinen Wissenschaften. Erst dann können Frauen der Patriarchatskultur eine eigenständige weibliche Kultur entgegensetzen.
Um von der Integration von Männlichem und Weiblichem in der Kultur auch nur zu sprechen, muss das "Weibliche" zuerst zu einem Faktor werden. Frauen müssen
- weibliche Geschichte erforschen, die bislang unterschlagen worden ist,
- weibliche Spritualität neu entdecken, der vorläufig noch kein Eigenrecht zugestanden wird,
- eine eigenständige weibliche Kunst entwickeln, die sich erst durchsetzen muss,
- gegenüber einer Arbeitswelt, die bislang den männlichen Normen gehorcht, vom Leben entfremdet und durch "Sachzwänge" taktiert wird, eine Arbeitswelt zu fordern, die an weiblichen Lebenszusammenhängen orientiert ist, und
- eine weibliche Politik anstreben, die vorläufig noch nicht einmal denkbar ist.
Erst wenn Frauen weibliche Symbole und Vorbilder für sich zurückgewonnen haben, kann sich ihre Befindlichkeit in dieser Welt ändern, können sie aus dem Schatten des Männlichen heraustreten und aufhören, "Le deuxième sexe" zu sein."

Was der Text für mich ausdrückt, ist, dass wir nicht einfach auf Männer zugehen können, unsere Arbeit mit ihnen teilen uns alles wird gut. Wir müssen erstmal in uns die wahren Quellen, unsere tatsächliche Weiblichkeit finden, und die in die Welt bringen. Dann wird erstmal eine Begegnung auf gleicher Augenhöhe mit Männern möglich sein. Wenn sie dann noch den Mumm haben, uns in die Augen zu sehen...