Montag, März 31, 2008

körpergefühl



Körper, Körperlichkeit, Schönheit. Dossier in der Emma über Magerwahn. Habe es nur überflogen. Kenne das. Habe schon ewig eine Essstörung. Nicht Besorgnis erregend, aber doch existiert sie. Fange ganz unschuldig mit Vollwertkost an, um zu genießen, mich gesund zu ernähren. Mein Verstand registriert, dass ich abnehme. Sofort stellt sich Bessenheit ein. Eine gewisse. Ich wiege. Mich. Sobald die Fixierung eingesetzt hat, bewegt sich der Zeiger keinen Millimeter mehr. Der Genuss ist schon wieder in den Hintergrund geraten. Ich denke nach, messe. Rechne. Zahlen ersetzen die Leichtigkeit, die Freude.



Träume vom Idealgewicht. Jetzt kann ich es endlich erreichen. Und dann? Es nervte mich, dass ich Größe 46 hatte. Eine Zeit lang war es mir egal. Ich genoss die Freiheit, zu essen was mir wann in den Sinn kam. Ausgerechnet Größe 46. Das ist die magische Grenze. Die Größe, bei der die "anderen" Klamotten anfangen. Die ausladenden Schnitte, die Übergrößen. Die geringere Auswahl, die häßlicheren Sachen, die teureren Sachen.



Seit einiger Zeit kotze ich wieder alle paar Wochen. Wenn ich so viel gefressen habe, dass es mir schlecht ist. Es muss raus. Wo ist der Punkt, an dem ich satt und zufrieden bin? Ich kenne ihn nicht. Manchmal schon. Manchmal spüre ich nur Hunger. Hunger, der nicht aufhört, auch wenn mir schon schlecht ist.



Sehe mir Germanys Next Topmodel mit dem Interesse eines Schaulustigen bei einem Autounfall an. Beurteile die Mädchen. Dann schaudert es mich wieder. Das sind Träume und Leitbilder für junge Mädchen. "Die Prinzessinnen von heute" sagt eine Freundin, die Töchter im entsprechenden Alter hat, und sieht wie sie darauf reagieren. Beobachte, wie sich die Mädchen in wandlungsfähige Zombies transformieren.



Mache eine Collage. Schneide Models aus der Brigitte aus. Sie sind dünn. Erschreckend dünn. Keine Oberschenkel. Schneide Bilder von "richtigen" Frauen aus. Frauen, die gealtert sind. Frauen, die lebendig aussehen. Stark, aktiv. Keine Masken. Individualität. Ausdruck.



Finde ich es bei mir? Bekomme viel Feedback, meine Schönheit, meine Ausstrahlung. Weise es von mir. Wie einfach ist es, mich auf einen unvollkommenen, verwelkenden Körper zu reduzieren. Damit kann ich alles, jeden Funken, jeden Fortschritt, jedes Talent einfach wegwischen. Aufhören, mich meiner eigenen Kraft zu stellen. Mich hinter einem wenn-dann-nur-jetzt-nicht verstecken. Keiner verlangt das von mir, keiner zwingt mich dazu. Ich tu es.



Es ist so einfach. Alle Enttäuschungen in der Liebe - klar. Ich bin ja nicht schön genug. Nicht schlank genug. Und ganz neu: zu alt. Das erklärt jedes verletzte Gefühl, jedes Gefühl der Schwäche, der Unzulänglichkeit. Schön, dass es ein wenn-dann gibt, dass ich messen kann. Ausrechnen. Und nie erreichen.



Mittwoch, März 26, 2008

beide nochmal



Die beiden letzten Themen ziehen noch Kreise, ich greife sie nochmal auf.

China. Vielleicht ist es garnicht so schlecht, dass China gerade jetzt die Olympischen Spiele ausrichtet. Tibet bekommt dadurch ganz starke Aufmerksamkeit, es rückt in den Fokus. Jeder denkt darüber nach, bezieht irgendwie Stellung. Unsere Politiker benehmen sich so, wie jemand, der sich nicht gegen den despotischen Chef auflehnt, aus Angst den Arbeitsplatz und die Existenz zu verlieren. Was mich im Vorfeld schon stark befremdet hat, ist wie in China Kinder für Olympia gedrillt worden sind. Gnadenlos in Internaten gedrillt und aussortiert, um Medallien für den Ruhm des Landes zu holen. Wie schön war dagegen ein Fernsehbericht, den ich mal gesehen habe, über einen Jungen mit Downsyndrom, der an den Paralympics teilgenommen hat.



Viele Gedanken werden jetzt aufgegriffen, z.B. über den Leistungssport an sich, das war ja auch schon Thema bei der Tour de France. Ich frage mich schon ewig, wie es gehen soll, dass ein normaler Mensch ohne medizinische Tricks solche Leistungen bringt. Gedanken über Wirtschaftsmacht und Kriegsmacht, über die Macht der Politik und wer wann zu was Stellung nehmen darf. Behauptet doch ein Politiker, politische Statements hätten bei Sportlern nichts zu suchen. Die Black-Panther Faust von 1968 kommt wieder in Erinnerung. Alles ist politisch, auch das Private. Trennung in Einzelteile ist für niemanden möglich. Jeder weiß doch, was los ist. Gute Mine zum bösen Spiel - genau damit sollte kollektiv Schluss sein. Stillhalten aus Angst, oder aus Gier? Das führt nur zur endlosen Wiederholung des gleichen falschen Spiels. Kennt doch jeder von uns aus den Kleinigkeiten des Lebens. Und was passiert, wenn jemand aufhört, still zu halten?Erfahrungsgemäß tritt dann nicht die befürchtete Katastrophe ein, sondern das Gegenüber reagiert anders als erwartet und ein ganz intensiver Lern- und Annäherungsprozess für beide Seite beginnt.



Wünschen. Da geht mir auch viel durch den Kopf. Zum Beispiel die Regeln, die im Buch "The Secret" für richtiges Wünschen aufgestellt werden. Also erst Wünschen, und zwar in der Gegenwart, und sich so verhalten, als wäre der Wunsch schon erfüllt, dann Dankbar sein für den erfüllten Wunsch (vorher) und den Wunsch loslassen. Schwierig. Wie soll man einfach seinen Wunsch vergessen? Lustig finde ich ja auch die Aufforderung, den Wunsch nicht anzuzweifeln, das würde sich wie ein Storno auswirken. Auf mich wirkt diese Regel wie ein Schild auf dem steht "das Lesen dieses Schildes ist verboten".



Also, alles ist immer da und ich erschaffe meine eigene Realität. Wir sind aber schon auf bestimmte Weise materialisiert, das beschränkt schon mal. Ich habe eine bestimmte Größe, braune Haare, braun-grüne Augen. Ich werde niemals der Typ feingliedrige Elfe sein. Auch nicht durch eine ausgeprägte Magersucht. Ich kann mich vielmehr so annehmen wie ich bin, und es leben.



Ich erschaffe meine eigene Realität. Ich reagiere in bestimmter Weise auch auf Ereignisse, die nicht von mir ausgehen. Trotzdem kann ich sagen, dass ich meine eigene Realität erschaffe, denn ich kann von einem bestimmten Ereignis völlig niedergeschmettert werden oder es als Treibstoff für den Aufschwung in einen neuen Lebensabschnitt verwenden. Ich erschaffe meine Realität, in dem ich Entscheidungen treffe. Was ich kaufe, wo ich wohne, mit wem ich zusammenlebe, welche Fertigkeiten ich mir aneigne, welche Projekte ich verwirkliche....



Für mich persönlich ist es zum Beispiel ein Wunsch, einen Arbeitsplatz zu bekommen, an dem meine Fähigkeiten gefragt sind, sinnvoll (!) zum Einsatz kommen und ich sie anwenden, erweitern und verfeinern kann. Die Wünsche, die ich beschrieben habe, die in meinen Tagebüchern 1998-2001 standen, lauteten ungefähr so: ich will eine nette kleine Wohnung für mich alleine haben (ich lebte in einer unglücklichen Beziehung, in einem großen unordentlichen Haus), ich will einen Job in meinem Beruf haben (ich lernte gerade Mediengestalterin) und ich will reisen. Ich fand also einen Job als Mediengestalterin in der Tourismusbranche, 5 Minuten zu Fuß von meiner netten, kleinen Wohnung, in der ich alleine lebe, entfernt. Verreist bin ich beruflich schon viel und kann mir auch von meinem Geld privat günstige Reisen und Ausflüge leisten. So, Wunsch erfüllt.



Ich habe diese Wünsche nicht einfach auf meinem Sofa abgeschickt, und dann nichts weiter getan. Das ist der Knackpunkt, auf den ich schon im letzten Post hinauswollte. Dieser Typ, der jetzt soviel Geld hat, hat ja auch ein schönes Buch geschrieben, mit dem er das Geld verdient hat. Ich habe Spaß an meinem Beruf und mich viel mit der Materie beschäftigt, ungezählte Stunden vor dem Computer gesessen und Probleme und Aufgaben gelöst. In meinem Job hab ich unendlich viele Überstunden abgeleistet. Von so einem Überstundengeld habe ich z.B. meine Nilkreuzfahrt 2005 bezahlt.



Ich verwende den Begriff "Wunsch" als Synonym für "Ziel". Ich habe gemerkt, wenn ich ein für mich passendes Ziel vor Augen habe, kann ich es auch erreichen. Ich entwickle eine unendliche Willenskraft und Energie und entwickle mich dahin. Ist so ein Ziel erreicht, bin ich erst erstaunt und erfreut. Ich fühlte mich in jüngeren Jahren ehr als Spielball der Umstände und ziemlich machtlos. Das aktive "mein Leben in die Hand nehmen" gefällt mir viel besser. Wichtig ist natürlich auch Raum für Überraschungen, das Unvorhergesehene und die Einsicht, dass sich nicht alles erzwingen lässt. In der Ausbildung 1999 war es ein großer Wunsch unbedingt später in Berlin zu arbeiten. Das war aber nicht. Und Deggendorf war nicht mein Wunsch, aber sicher überhaupt nicht verkehrt, ich bin hier sehr glücklich geworden. Ist so ein Wunschabschnitt erfüllt, dann wird es langsam wieder Zeit, um mir ein neues Ziel zu stecken. Es wird Bilanz gezogen, das Erreichte gewürdigt, und ich gehe mit verschiedensten Methoden in mich, um rauszufinden, was es in mir will. Wohin. Und zu was? Dann entsteht wieder ein neuer Wunsch, etwas, dass aus meinem Leben und mir werden soll. Es gibt so viele spannende Sachen! Und wenn es sein sollte, zu lernen, im Augenblick zu leben und jeden Moment zu genießen.



Montag, März 17, 2008

also

war sowie schon ziemlich daneben, aber jetzt noch die Olympiade in China zu feiern ist doch voll daneben.

Sonntag, März 16, 2008

wünschen



Im Moment setze ich grade meine Forschungen im Bereich Erschaffung von Wirklichkeit fort. Anders, poplärer ausgedrückt: Wunscherfüllung. Ich habe mir das Buch "The Secret" gekauft. Das liegt auch momentan ziemlich auffällig in jedem Buchladen herum. In dem Buch geht es um das Erschaffen von Wirklichkeit. Fakt ist, und das ist das zentrale Geheimnis in "The Secret", wir erschaffen unsere eigene Wirklichkeit - und das ist ja nichts neues eigentlich. Das Buch geht jetzt her und behauptet, man kann sich einfach alles wünschen, was einem einfällt und mit der Beachtung einfacher Regeln wird das auch Wirklichkeit. Als Beispiel wird der Autor des bekannten Buches "Hühnersuppe für die Seele", Jack Canfield angeführt. Er wünschte sich einen Jahresverdienst von 100000 Dollar. Im Jahr zuvor hatte er 800 Dollar verdient. Durch zufällige Umstände lernte er dann jemanden kennen, der ihm behilflich dabei war, sein Buch, das schon sozusagen in der Schublade lag, unter die Leute zu bringen. Er verdiente in diesem Jahr tatsächlich 100000 Dollar.



Da liegt aber der Hase im Pfeffer: er hatte das Buch schon geschrieben. Das Geld regnete es ihm nicht einfach plötzlich zum Dachfenster herein. Ich stimme dem Buch, und vielen anderen, die in die gleiche Richtung gehen, z.b. Erfolgreich wünschen, 7 Regeln, wie Träume wahr werden im Grundsatz zu. Wir erschaffen tatsächlich unsere eigene Wirklichkeit. Und wenn das so ist, warum soll man nicht lernen, wie das geht, um alles gewünschte in unser Leben zu ziehen.



Also, er hatte das Buch schon geschrieben. Womöglich hatte er sich lange vorher schon gewünscht, ein Buch zu schreiben, dass vielen Menschen die Seele erwärmt wie ein Teller Hühnersuppe den Körper. Der Wunsch nach den 100000 Dollar war also nicht die Essenz des ganzen. Irgenwie ein Folgewunsch von einer Sache, die sowieso schon in die Wirklichkeit gebracht worden war. Ich halte es auch für Blödsinn, jeden Wunsch einfach so Wirklichkeit werden zu lassen. Was steht auf den Wunschlisten: Geld und Liebe. Es fehlt doch die Komponente, erstmal im Inneren zu forschen, was man denn nun wirklich will. Wer man ist, und was einen wirklich glücklich macht. Heute lebt Jack Canfield in einem 4 Millionen Dollar Haus. Das ist nicht das, was ich mir unter einem erfüllten Leben vorstelle. Er findet es toll. Das lass ich ihm ja auch. In "The Secret" liegt eben nun mal die Hauptkomponente auf Geld und Besitz.



Das mit dem Realität erschaffen funktioniert definitiv. Ich habe ja auch wieder meine Aufzeichungen der letzten Jahre durchgesehen und dabei festgestellt, wie viele meiner Wünsche sich erfüllt haben, dass viele meiner Vorhaben Wirklichkeit geworden sind. So ziemlich alles grundlegende, was ich gerne wollte, wo ich gerne sein wollte, was ich tun wollte, hat sich erfüllt. Mit Bonusprogramm sogar.

Für mich gehört eben auch die andere Seite dazu, die Innenschau. Alle inneren Ungeheuer entlarven, ans Tageslicht ziehen. Die bilden nämlich auch die Wirklichkeit mit, ohne dass wir es merken. Und da hilft auch kein positives Denken, da diese Kräfte unsichtbar sind. Zum Beispiel ein anerzogenes Gefühl der Minderwertigkeit. Das muss erst man identifiziert werden und geändert werden. Wirklich umgelernt.



Die andere Innenschau ist, wer bin ich überhaupt, was habe ich für Fähigkeiten und Talente, was macht mir Freude, was macht mich glücklich. Also erstmal richtig Wünschen lernen. Sich selber richtig kennen lernen, um zu wissen, was brauche ich. In welchen Lebensumständen fühle ich mich wohl. Ich habe z.b. eine Freundin, die immer sagte, auch wenn sie im Lotto gewinnen würde, würde sich nicht aufhören zu arbeiten. Sie liebte ihre Arbeit, die Herausforderungen, die Kontakte, die Aufgaben.



Die letzten Jahre bin unglaublich viel herumgekommen. Für einen Großteil der Unternehmungen hab ich gar kein Geld gebraucht, sie wurden mir bezahlt. Also kann es das Geld nicht sein, sondern das, was man damit machen will. Richtig wünschen lernen hat den Vorteil, sich selber besser kennen zu lernen. Dieses Postulat vom "sich bedienen wie einem großen Warenhaus" hat für mich etwas von jemanden, der im Lotto gewinnt und damit nicht umgehen kann, alles zum Fenster hinaus wirft und sich dabei auch noch mit der ganzen Familie zerstreitet, und am Schluss allein, pleite und unglücklich dasteht. Ich meine nicht, dass Geld "böse" ist. Es ist aber nicht die Essenz, sondern nur das Mittel zum Zweck. Es ist ja selbst noch Energie, keine Materie.



Ich selber mache gerade wieder einen Prozess des inneren Kennenlernens. Ich habe gesehen, wie kraftvoll das alles war und wie gut es funktioniert hat. Und zwar aus einer Lebensituation heraus, die total grauenhaft war. Jetzt möchte ich gerne zu Level 2 übergehen und mehr damit arbeiten. Jetzt steh ich nämlich ganz anders da als damals. Ich kann alles verfeinern und noch genauer in die Wirklichkeit bringen. Zuerst heißt es aber "schöpfen", aus dem Inneren schöpfen, was will ich überhaupt in mein Leben ziehen, was soll sich verwirklichen? Und schon ist es auch gar keine esoterische Zauberei mehr, sondern ganz einfache Selbst-Verwirklichung.



Dienstag, März 11, 2008

es war einmal

Vergangenes aus meinem Leben kommt mir ins Bewusstsein. Ich habe meine Schubladen ausgemistet und so einiges gefunden. Seit über 30 Jahren schon führe ich Tagebücher. Schreibe über Gefühle, Vorhaben, Kummer, Krisen, Veränderungen, Wünsche. Habe einiges davon die letzten Tage gelesen.

Ein roter Faden ist deutlich zu sehen. Wie ich durch eigene Stärke und Kraft immer wieder aus allen Krisen raus kam, mich immer wieder gefangen habe und überlebt habe. Als Kind verfügte ich eigentlich schon über alle Anlagen und die gesamte Stärke und Kraft, die sich bis jetzt fortgesetzt hat. Lange Jahre zwischendurch waren es immer nur kurze Phasen, in denen ich mich fing. Letzendlich nahm die Kraft wieder überhand.

Ich sehe auch den roten Faden der Beschäftigungen, die mir Freude machen. Daran hat sich irgendwie nie etwas geändert. Schreiben, Stricken, Kochen, Pläne machen, Ordnung schaffen, konzentriert sein, Strukturen erschaffen. Früher liebte ich Schreibwaren. Hefte, Blöcke, Papier, Füller, Stifte. Mein Opa sagte immer, ich hätte einen Papierverbrauch wie das Landratsamt. Nun sind es die Computer. Sozugagen: Schreibheft extended. Ich lebe praktisch in einer perfektionierten Kindheit.

Mit drei Jahren bei meiner Oma vor dem Haus. Sie im Hintergrund beim Wäsche aufhängen.


Meine Urgroßmutter, meine Großmutter, meine Mutter und ich.


Mit Mutter und Großmutter einige Jahre später. War ein Ausflug nach Wien.


Mit Mama am heimischen Herd. Ich so ca. 15 Jahre alt. 1977. Die Siebziger. Man sieht's an den Fliesen. So stylisch wie jetzt als Retro waren die 70er nicht wirklich.


Ich mit 15. Muss wirklich selber sagen, ich war schon sehr hübsch.


Mein Zimmer, eine Seite, über meiner Bettcouch. Zwischen 1976 und 1978. Rechts im Eck gerade noch sichtbar: mein geliebtes Kassetten-Radio. Vorläufer des iPod.


Mein Zimmer, andere Seite. Schön: die geradezu prophetisch angeordnete Schreibmaschine neben der Weltkugel.


Sonntag, März 02, 2008

eine weibliche welt



Wiedereinführung des Matriarchats - wissen wir überhaupt, wie die alten Matriarchate ausgesehen haben? Sämtliche Theorien werden immer Mutmaßungen bleiben. Sind alle Frauen besser als die Männer? Bringt es Frauen weiter, wenn sie immer mehr Führungspositionen erobern? Alle diese Fragen werden immer im Lichte des Patriarchats gestellt, aus unserer Denkungsart heraus, die wir gelernt haben und die sich über mindestens zwei Jahrtausende in unserem kollektiven Unterbewusstsein festgesetzt hat.



Ich möchte keine neue Staats- oder Führungsform mit dem Matriarchat etablieren, es geht nicht um den Umsturz des großen Ganzen von oben herab. Es geht um die einzelne Frau. Das Lebensgefühl der einzelnen Frau. Welche Bindungen sie zur weiblichen Energie hat. Wie sie leben kann, wie sie sich verwirklichen kann, wie an ihr schöpferisches Potential kommen. Der erste Schritt hierzu ist einmal das beiseite lassen der Männer. Das muss nicht zwingend heißen, gleich Mann und Familien zu verlassen. Das beiseite lassen der Männer in unseren Köpfen ist gemeint.



Meine erste Reaktion in der Pubertät war sofort, mich mit dem stärkeren Geschlecht zu solidarisieren. Um etwas Würde zu behalten und nicht nur Kuscheltierchen und willenloses Spielzeug zu werden, musste ich das tun. Alle Karrierefrauen arbeiten so. Sie gewöhnen sich die Regeln der Männer an, um in einer Männerwelt zu überleben. Sie wissen und sie spüren recht schnell, dass sie in ihrem Fachgebiet genauso gut oder besser als die konkurrierenden Männer sind. Um aber beruflich nach oben zu kommen, bedarf es noch mehr. Sie müssen auch in der Männerwelt überleben können. Sich maskieren praktisch. Wenn eine Frau das weiß und durchschaut, mag es ja noch funktionieren. Tut sie das nicht, kann das ziemlich bösartige Formen annehmen, da eine Frau immer besser sein muss als ein Mann, um die gleiche Position zu erreichen. Das heißt auch, dass praktisch nichts für eine nicht mehr so frauenfeindliche Welt gewonnen ist, nur wenn Frauen auch in Führungspostionen kommen. Das System bleibt davon unangetastet. Gut, das macht Frauen an sich noch stärker, sie lernen Höchstleistungen zu vollbringen und sehen es deutlich, dass sie mindestens genauso viel können, wie Männer und sogar noch mehr, da sie auch noch Kinder und Haushalt zusätzlich haben. Es mag Männer geben, die Haushalt und Kinder fair teilen, die sind jedoch in der Minderzahl. Zusätzlich mag es in der Partnerschaft noch zu Problemen kommen, wenn eine Frau in eine höhere gesellschaftliche Position kommt als ihr Ehemann. Das ist aber auch noch nicht das, was ich meine. Die Machtübernahme durch immer mehr Frauen käme tatsächlich einem Polsprung gleich und nichts wäre gewonnen. Wir würden noch nach den selben Regeln und Gesetzen arbeiten. Die medizinische Versorgung wäre die gleiche, das Konkurrenzdenken wäre das gleiche, die Ausbeutung der ganzen Erde wäre die gleiche. Die psychische Verfassung der einzelnen Frau wäre womöglich noch schlechter, weil der Leistungsdruck bis ins unermessliche steigt. Karriere, tolle Kinder, toller Mann, schönes Haus, nicht altern, immer gut aussehen, super Garderobe, klasse Figur, viel Geld, heterosexuell aktiv, aber nicht zu aktiv, "gut im Bett" sein, all das verlangt die "moderne" Frau von sich und fühlt sich dabei sehr emanzipiert. Und nicht wenige scheitern an diesen hohen, unrealistischen Anforderungen und haben ein permanent schlechtes Gewissen.



Ich habe einen guten Text gefunden, der erklärt, was ich die ganze Zeit versuche auszudrücken. Es ist eine mögliche Weise, es auszudrücken. Der Textausschnitt ist aus dem Buch: Ich brauche die Göttin von Gerda Weiler.



"Es geht darum, den matriarchalen Umgang mit "Macht", matriarchales Selbstverständnis von Seins-Macht, wieder bewusst zu machen. Es geht darum, dass Frauen wieder fähig werden, ein gesundes Eigenmachtsgefühl zu entwickeln. Und es geht um Selbstfindung, wenn Frauen in Mythologie und Geschichte nach Vorbildern und Identifikationsmöglichkeiten suchen.
Die Psychologie spricht vom "Eigenmachtsgefühl", wenn es um eine unbewusste Selbstsicherheit geht, die einer noch tieferen Schicht angehört als Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein. Die Gründe für Minderwertigkeits- oder Selbstwertgefühle sind dem Bewusstsein einigermaßen zugänglich. Aber das Eigenmachtsgefühl, dass über unsere Grundbefindlichkeit in der Welt entscheidet, ist bewusstseinsfern. Es ist der verborgene Hintergrund, von dem das Bild unserer Seele sich abhebt. Ob dieser Hintergrund licht oder grau, farbig oder eintönig ist, erleben wir nur als Tendenz zu Hochstimmung oder Depression, zu Aktivität oder Lähmung.
Texte, die zum Selbstbild von Frauen beitragen, sollten deshalb mit Recht auf Aussagen über den Wert des Weiblichen überprüft werden. Es war für mich eine Befreiung zu entdecken, dass die Weiblichkeitsbilder des patriarchalen Mythos, sei er christlicher oder antiker Herkunft, keine "Archetypen" sind, sondern typisch patriarchale Projektionsmuster männlicher Ängste und Wünsche auf die Frau (Weiler 1985, passim).
Die Besinnung auf matriarchale Bedeutungszusammenhänge gibt Frauen die Möglichkeit, ihren Standort in dieser Welt selbst zu bestimmen. Die Erinnerung an matriarchale Göttinnen stellt die Verbindung der Frau zu ihrer kosmischen Dimension wieder her. Wenn ich biblische Texte auf matriarchale Kulttexte zurückführe, stelle ich verlorene und vergessene Symbole für Frauenkraft und weibliches Selbstbewusstsein wieder zur Verfügung.
Die Vorstellung eines patriarchalen Urmonotheismus wird relativiert. Der Eine Vatergott wird vordergründig. Seine Gestalt hebt sich ab vom Hintergrund matriarchaler Kulturen, und das matriarchale Bewusstsein steht als Alternative zum patriarchalen Selbstverständnis zur Diskussion.
Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern ist erst dann verwirklicht, wenn Frauen das gleiche Recht auf Weltdeutung haben wie die Männer. Dabei reicht es nicht aus, dass Frauen sich ein eigenes Recht auf Weltdeutung nehmen, sondern Männer müssen weibliche Weltdeutung ernst nehmen und ihr einen ebenbürtigen Stellenwert zuerkennen in Philosophie, Theologie und in den allgemeinen Wissenschaften. Erst dann können Frauen der Patriarchatskultur eine eigenständige weibliche Kultur entgegensetzen.
Um von der Integration von Männlichem und Weiblichem in der Kultur auch nur zu sprechen, muss das "Weibliche" zuerst zu einem Faktor werden. Frauen müssen
  • weibliche Geschichte erforschen, die bislang unterschlagen worden ist,

  • weibliche Spritualität neu entdecken, der vorläufig noch kein Eigenrecht zugestanden wird,

  • eine eigenständige weibliche Kunst entwickeln, die sich erst durchsetzen muss,

  • gegenüber einer Arbeitswelt, die bislang den männlichen Normen gehorcht, vom Leben entfremdet und durch "Sachzwänge" taktiert wird, eine Arbeitswelt zu fordern, die an weiblichen Lebenszusammenhängen orientiert ist, und

  • eine weibliche Politik anstreben, die vorläufig noch nicht einmal denkbar ist.

Erst wenn Frauen weibliche Symbole und Vorbilder für sich zurückgewonnen haben, kann sich ihre Befindlichkeit in dieser Welt ändern, können sie aus dem Schatten des Männlichen heraustreten und aufhören, "Le deuxième sexe" zu sein."



Was der Text für mich ausdrückt, ist, dass wir nicht einfach auf Männer zugehen können, unsere Arbeit mit ihnen teilen uns alles wird gut. Wir müssen erstmal in uns die wahren Quellen, unsere tatsächliche Weiblichkeit finden, und die in die Welt bringen. Dann wird erstmal eine Begegnung auf gleicher Augenhöhe mit Männern möglich sein. Wenn sie dann noch den Mumm haben, uns in die Augen zu sehen...